Erftumbau 2030 – Ein Großprojekt steht unter Druck

PRESSEMITTEILUNG 33/2026

40 Kilometer Erft, 15 Jahre weniger Zeit: Jetzt entscheidet sich, ob der Umbau bis 2030 gelingen kann

Bergheim/Grevenbroich 1.September 2026 Die Erft wird auf rund 40 Kilometer Länge umgestaltet. Das bereits 2005 beschlossene Projekt sollte ursprünglich bis 2045 abgeschlossen werden. Durch den vorzeitigen Kohleausstieg muss der Erftumbau nun 15 Jahre früher umgesetzt werden. Damit steht eines der bedeutendsten Gewässerprojekte im Rheinischen Revier unter erheblichem Zeitdruck. Kann der Erftumbau unter diesen Bedingungen bis 2030 gelingen – oder verpasst die Region diese einmalige Chance?

15 Jahre weniger Zeit für den Umbau

Seit den 1950er Jahren ist die Erft stark durch die Einleitung von Sümpfungswasser aus dem Braunkohlentagebau geprägt. Sie wurde für Wassermengen ausgebaut, die weit über ihrem natürlichen Abfluss liegen. Heute stammen noch rund drei Viertel des mittleren Abflusses der unteren Erft aus den Sümpfungswassereinleitungen des Tagebaus Hambach.

Mit dem Ende dieser Einleitungen 2030 ändern sich die hydrologischen Verhältnisse grundlegend. Das heute ausgebaute und befestigte Gewässerbett der Erft ist für die künftigen deutlich geringeren Wassermengen nicht geeignet. Hinzu kommt, dass sich knapp die Hälfte der unteren Erft aufgrund historischer Wasserrechte im Rückstau befindet. Bei sinkender Wasserführung drohen dort längere Aufenthaltszeiten des Wassers und damit eine Verschlechterung der Gewässergüte. Gleichzeitig verhindern Stauanlagen vielerorts die ökologische Durchgängigkeit und eine natürliche Entwicklung der Erft, da sie dem Gewässer die hierfür erforderliche Strömungsenergie nehmen.

Um die Erft auf diese Veränderung vorzubereiten, wurde bereits 2005 das Perspektivkonzept Erft als gemeinsames Projekt des Landes Nordrhein-Westfalen, der RWE Power AG und des Erftverbandes ins Leben gerufen. Ziel dieses Konzeptes ist die naturnahe Umgestaltung der Erft zwischen Bergheim und Neuss. Das Perspektivkonzept bedient sowohl den Ausbau des grünen Hochwasserschutzes zur Klimaanpassung, als auch die Vorgaben für die Gewässerentwicklung nach europäischen Wasserrahmenrichtlinie (EU-WRRL).

Mit dem beschleunigten Ausstieg aus der Braunkohle im Rheinischen Revier bis 2030 wird die Sümpfungswassereinleitung nun 15 Jahre früher eingestellt, was auch eine Beschleunigung des Erftumbaus notwendig macht. Die auf das Frühjahr 2027 verschobene Entscheidung auf Bundesebene bzgl. einer Verlängerung der Braunkohlenverstromung bis 2033 zur Sicherung der Energieversorgung hat keine Auswirkungen auf den Tagebau Hambach und somit auch nicht auf die Fristen für die Umgestaltung der Erft.

Projektzeiten, Flächen und historische Rechte gefährden den Zeitplan

Die größte Herausforderung besteht darin, den Umbau der Erft auf rund 40 Kilometern innerhalb des erheblich verkürzten Zeitfensters zu planen, zu genehmigen und zu realisieren. Werden dabei weiterhin die üblichen Projektdauern zugrunde gelegt, entsteht ein erhebliches terminliches Projektrisiko.

Ein erhebliches Planungsrisiko stellen die historischen Staurechte dar. Rund 15 Kilometer der unteren Erft befinden sich heute im Rückstau. Bleiben diese Stauhaltungen bei gleichzeitig sinkendem Abfluss bestehen, ist auf dieser Länge keine Gewässerentwicklung möglich. Damit wären dort dann auch die Ziele eines verbesserten Hochwasserschutzes und die Wasserrahmenrichtlinie nicht erreichbar.

Zusätzliche Konflikte entstehen dort, wo historische Staurechte mit einer möglichen Wasserkraftnutzung begründet werden. Die Inhaber der Staurechte führen die Bedeutung des Ausbaus der Erneuerbaren Energien (hier Kleinwasserkraft) an. Dem steht jedoch gegenüber: verbesserter Hochwasserschutz, Klimaanpassung, Gewässerökologie und die Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie. Hier sind die Abwägungen der zuständigen Genehmigungsbehörden erforderlich.

„Werden bestehende Stauhaltungen zugunsten einer Wasserkraftnutzung aufrechterhalten, ist der geplante Erftumbau auf der Hälfte der Strecke nicht umsetzbar und damit eine Gewässerentwicklung für die Region dauerhaft verloren“, zeigt Dr. Dietmar Jansen, ständiger Vertreter des Vorstands und Bereichsleiter Gewässer des Erftverbandes, die möglichen Folgen auf.

Bei der Sicherung der erforderlichen Flächen hat der Erftverband frühzeitig Vorsorge getroffen. Bereits 2008 wurde mit dem Flächenmanagement begonnen. Aktuell laufen mehrere Flurbereinigungsverfahren. Dennoch können fehlende Flächenverfügbarkeit bei Einzelgrundstücken Planungen und Bauvorhaben beeinflussen. Hinzu kommt die Finanzierung: Die Umgestaltung der Erft wird zu einem entscheidenden Anteil mit Landesmitteln gefördert. Deren Bereitstellung innerhalb eines kurzen Zeitraums stellt auch das Land – mit Blick auf die angespannte Haushaltslage – vor große Herausforderungen.

Bereits umgesetzte Projekte zeigen: der Erftumbau erfüllt die Erwartungen der Region

Welches Potenzial der Erftumbau bietet, zeigt sich in bereits abgeschlossenen Maßnahmen.
Durch die Verlegungen der Erft können wieder freifließende Gewässerabschnitte geschaffen werden. Die Erft erhält Raum für eine eigendynamische Entwicklungen, Auen werden wieder angebunden und zusätzliche Retentionsräume für den Hochwasserschutz entstehen.

Dem ersten 2014 erfolgreich umgesetzten Projekt »Erft-Verlegung Vogelwäldchen« in Bergheim (Abschnitt AB 23) folgte 2017 die Anlage der »Sekundäraue Bedburg« (AB 18), 2021 die »Entfesselung Frimmersdorf« (AB 15) und 2022 die »Erft-Verlegung Gnadental« im Rhein-Kreis Neuss (AB 1).

Der Abschnitt „Vogelwäldchen“ zeigt beispielhaft, dass ökologische Entwicklung, grüner Hochwasserschutz und Naherholung miteinander verbunden werden können. Das gesamte Projekt konnte einschließlich Planung und Genehmigung innerhalb von fünf Jahren realisiert werden; die reine Bauzeit betrug sieben Monate. Erfolgskontrollen zeigen bereits nach wenigen Jahren eine deutliche ökologische Aufwertung der Erft und seiner Aue.

Volker Mießeler, Bürgermeister der Kreisstadt Bergheim: „Das Vogelwäldchen zeigt uns ganz konkret, welche Chancen im Erftumbau für Bergheim und unsere Region liegen. Hier ist ein Ort entstanden, an dem Natur, Hochwasserschutz und Erholung für die Menschen zusammenkommen. Viele Bürgerinnen und Bürger nutzen und schätzen diesen Bereich heute als Teil ihres direkten Lebensumfelds. Genau darin liegt für mich die große Stärke des Erftumbaus: Wir gestalten unsere Heimat so, dass sie auch für kommende Generationen lebenswert und widerstandsfähig bleibt. Für Bergheim ist die Erft ein prägender Teil unserer Stadt und ihr Umbau leistet einen wichtigen Beitrag dazu, den Strukturwandel bei uns vor Ort erfolgreich zu gestalten.“

Die Erfahrungen aus diesen Projekten bilden heute den Werkzeugkasten für die weiteren Abschnitte. Gleichzeitig müssen die Maßnahmen sowohl für die derzeit noch erhöhten Abflüsse durch das Sümpfungwasser als auf für die deutlich geringeren Abflüsse nach 2030 funktionieren. Prognosen zu Grundwasserzustrom, Versickerung, Klimawandel und einer möglichen Abflussstützung müssen deshalb bereits heute in die Planung einbezogen werden.

Jetzt muss Tempo aufgenommen werden

Um Planungs- und Genehmigungszeiten zu reduzieren, bündelt der Erftverband einzelne der 23 Abschnitte. Im Projekt „Erftaue Kapellen“ wurden die Abschnitte AB 6 bis AB 9 aus dem Konzept zum Erftumbau zusammengeführt. Daraus ergibt sich ein über sechs Kilometer (nach Umsetzung mehr als 9 km) langer Planungsraum zwischen Grevenbroich-Wevelinghoven und Neuss-Gruissem, in dem Verfahren gebündelt und beschleunigt werden können.

In diesem über 6 km langen Abschnitt sollen Wanderhindernisse über großräumige Verlegungen der Erft umgangen und die Wiederanbindung der Auen hergestellt werden. Dadurch könnten allein in diesem Abschnitt rund 300.000 bis 400.000 Kubikmeter zusätzlicher Retentionsraum für den Hochwasserschutz entstehen. Ausstehende Lösungen zu bestehenden, aber teilweise ungenutzten Staurechten an historischen Mühlen erschweren jedoch die Planung. Das Projekt soll Ende 2026 zur Genehmigung eingereicht werden.

Bereits im Jahr 2023 wurde der Planfeststellungsantrag für die »Renaturierung der Erft im Bereich der Mühle Kottmann« unterhalb von Grevenbroich (AB 10) eingereicht. Auch hier soll die Erft verlegt und die Stauhaltung einer historischen Mühle, an der keine Wasserkraftnutzung mehr erfolgt, aufgegeben werden. Mit der Umsetzung könnten hier zusätzlich 150.000 Kubikmeter Retentionsraum erschlossen werden.

Klaus Krützen, Bürgermeister der Stadt Grevenbroich: „Der Erftumbau ist für Grevenbroich eine große Chance. Entlang der Erft können neue Lebensräume für die Natur und attraktive Erholungsräume für die Menschen entstehen. Gleichzeitig stärken wir den Hochwasserschutz und machen unsere Stadt widerstandsfähiger gegenüber den Folgen des Klimawandels. Diese Chance sollten wir nutzen, um Grevenbroich noch lebenswerter und zukunftssicherer zu gestalten.“

Auch weitere Projekte laufen bereits. Die »Erft-Renaturierung Glesch« (AB 20) soll nach derzeitiger Planung Mitte 2029 abgeschlossen werden und rund 80.000 Kubikmeter Retentionsraum zurückgewinnen. Nördlich von Bedburg wird 2026 die Genehmigungsplanung für die Kasterer Mühlenerft (AB 16) erarbeitet. Über dieses bisher mittels Wehr beaufschlagte Nebengewässer der Erft soll künftig die Durchgängigkeit der Erft hergestellt werden. Die Umsetzung ist für 2029 vorgesehen.
In Bedburg werden zudem an einem weiteren Nebengewässer der Erft die Genehmigungsunterlagen für die Herstellung der ökologischen Durchgängigkeit vorbereitet.

Mehr als Gewässerökologie – Hochwasserschutz und Strukturwandel

Der Erftumbau bietet der Region weit mehr als eine ökologische Verbesserung des Gewässers. Die Wiederanbindung von Auen schafft natürliche Retentionsräume und stärkt damit den Hochwasserschutz. Gleichzeitig entstehen klimaresiliente Landschaftsräume und neue Möglichkeiten für Naherholung und Stadtentwicklung.

Damit ist die Erft eine bedeutende blau-grüne Infrastruktur für den Strukturwandel im Rheinischen Revier. Die Aufgabe besteht dabei nicht darin, einen historischen Zustand vor Beginn des Braunkohleabbaus nachzubauen. Die Erft muss vielmehr so entwickelt werden, dass sie den künftigen Anforderungen an Gewässerökologie, Hochwasserschutz und Klimaanpassung gerecht wird.

Die kommenden Jahre entscheiden

Die Erft ist im Rheinischen Revier eine der bedeutendsten blau-grünen Infrastrukturen, auf die als wichtiger Beitrag für einen erfolgreichen Strukturwandel nach dem Kohleausstieg gesetzt wird.
Die bereits umgesetzten Projekte zeigen, dass eine naturnahe Umgestaltung der Erft möglich ist und ökologische Entwicklung, Hochwasserschutz und Naherholung miteinander verbinden kann. Die entscheidende Frage ist daher weniger, ob der Erftumbau grundsätzlich funktionieren kann, sondern ob er unter den bestehenden zeitlichen, rechtlichen und administrativen Rahmenbedingungen schnell genug umgesetzt werden kann.

Grundsätzlich gilt, dass die Erft ein intaktes, hochwertiges ökologisches System sein muss, damit sie die zukünftigen Anforderungen auch in vollem Umfang erfüllen kann. Vor diesem Hintergrund und den Randbedingungen des Klimawandels kann der Erftumbau deshalb nicht einfach ein Nachbau oder das Bewahren eines historischen Zustandes sein. Die neue Erft muss alle Potenziale nutzen, um den zukünftigen Anforderungen gerecht zu werden. Der Erftumbau ist ein in die Zukunft gerichtetes Projekt.

15 Jahre weniger Planungs- und Umsetzungszeit verändern die Dimension des Projekts grundlegend. Flächen müssen rechtzeitig verfügbar sein, Teilprojekte müssen innerhalb des verbleibenden Zeitfensters abgeschlossen werden, Finanzmittel müssen bereitstehen und Konflikte um historische Staurechte müssen gelöst werden.

Dietmar Jansen: „Gelingt es nicht, diese Aufgaben und Konflikte rechtzeitig zu lösen, können wesentliche Teile des Erftumbaus bis 2030 nicht umgesetzt werden.“

In wenigen Jahren wird sich zeigen, ob die bestehenden Instrumente ausreichend waren, um das Großprojekt trotz der massiv verkürzten Rahmenbedingungen zum Erfolg zu führen und ob die Region ihre einmalige Chance genutzt hat.

Weitere Informationen:
zum Projekt KOMM.RHEIN.REVIER

Für mehr Hintergründe zum Erftumbau:
Unser Factsheet zum Erftumbau

Ihre Ansprechpartnerin bei Rückfragen:
Erftverband – KOMM.RHEIN.REVIER | Petra von Zehmen
Am Erftverband 6, 50126 Bergheim
02271 88-1379
komm.rhein.revier@erftverband.de

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