Aus dem Archiv: „Große“ oder „Kleine“ Erft

Nicht die Breite des Flusses bestimmt den Namen!

Im Raum Erftstadt/Kerpen/Bergheim finden aufmerksame Spaziergänger und Fahrradfahrer an der Erft verschiedene Beschilderungen: Kleine Erft, Große Erft oder Erftflutkanal. Die historischen Karten im Archiv des Erftverbandes nennen weitere Umfluter oder Gräben: Kalte Wasser, Alte Erft, Alte kleine Erft usw. Die Teilung der Erft bei Mödrath bzw. am Kerpener Bruch in Große und Kleine Erft zeigt bereits eine geographische Karte der Doppelherrschaft Kerpen-Lommersum nach einem Kupferstich aus dem Jahre 1587.

Fast dreihundert Jahre später im Jahr 1852 macht sich durch die heftigen Beschwerden über katastrophale Zustände in der Erftniederung eine Expertengruppe mit dem preußischen Regierungs-und Baurat Zwirner, dem Landesökonomierat Weyhe (Landwirtschaft) und dem Strombaumeister Nobeling (Wasserbau) sowie ortskundigen Beratern auf den Weg zur Gewässerschau. Um die Übelstände zu beheben, wird der Vorschlag von Strombaumeister Nobeling angenommen, ein völlig neues Flussbett anzulegen, die Windungen der Erft zu beseitigen und allen Mühlen, die direkt ihre Wehre im Flusslauf der Erft errichtet haben, mit eigenen Mühlengräben das notwendige Wasser zuzuleiten.

Die Erft bei Mödrath beschreibt der Strombaumeister folgendermaßen: „[…] und deshalb kehre ich auch zu der Erft nach Möderath zurück […]. An dieser Stelle […] soll sich von jeher eine Flussspaltung befunden haben, wie denn auch jetzt noch die Kleine Erft getrennt von der Großen Erft, zwischen Möderath und Bergheim fließt, und sich erst unterhalb Bergheim wieder mit der Großen Erft vereinigt. […] Dem äußeren Vernehmen nach sollen zwischen den Mühlenbesitzern an der Großen und Kleinen Erft, Rechtsverträge über die Benutzung des Wasserschatzes im Verhältnis wie 2 zu 1 bestehen […]. Gegenwärtig liegen an der Großen Erft, zwischen Möderath und Bergheim, die Mühlen von Sindorf und von Esch, während an der Kleinen Erft die Mühlen von Möderath, Horrem, Plies und Kenten liegen. Die Mühle zu Bergheim benutzt das Wasser aus der Großen Erft, indem die Kleine Erft erst unterhalb in den Mühlengraben fällt, der sich oberhalb der Zievericher Mühle wieder mit dem natürlichen Bachbette der Großen Erft verbindet […].“

Schließlich begründet er seinen Plan: „Ja wenn nicht Gegenmittel angewendet werden, so wird die Zeit gar nicht mehr fern sein, in welcher die, von der Natur geschaffenen fruchtbarsten Grundstücke einem Moraste gleichen und anstatt duftender Gräser zu tragen, Krankheiten und Seuchen unter den Menschen und den Tieren erzeugen werden. Und wer ist an allen diesen Übelständen schuld? Der träge und selbstsüchtige Mensch! Der den natürlichen Wasserverlauf hemmt […].“

Der weitere Verlauf der Geschichte ist bekannt: 1856 liegt der Plan zum Bau des Erftflutkanals vor, der die Erftniederung gegen die verheerenden Sommerhochwasser schützen, das versumpfte Gelände entwässern und neu gewonnene Wiesenflächen bewässern soll. 1859 wird die Genossenschaft zur Melioration der Erftniederung gegründet. 1860 beginnen die Arbeiten am Erftflutkanal. Sie dauern bis 1866.

Josef Zimmermann schreibt im Jahr 1949: „Der neue Flut- und Entwässerungskanal reicht bis Glesch, wo er in die regulierte Erft einmündet. Er beherrscht durch seinen schnurgeraden Verlauf, seine breite Abmessung und seine tief eingeschnittene Lage völlig das Landschaftsbild der Niederung in diesem Abschnitt. Die alte Erft behielt man der vielen Mühlen wegen bei. Sie wurde im Profil ausgebaut, ihr windungsreicher Lauf begradigt. Einmal auf der linken und einmal auf der rechten Seite des Tales fließend dient sie im oberen Flußabschnitt der Niederung nur mehr als Mühlgraben. In Anlehnung an die gleiche Bezeichnung, wie sie vor der Melioration bestand, heißt sie auf der linken Seite des Flutkanals „Große Erft“ und auf der rechten Seite „Kleine Erft“.

Eine Ausnahme stellt jedoch das demnach eigentlich als „Große Erft“ zu bezeichnende Gewässer dar, das zwischen Gymnich und Türnich nach links aus dem Erftflutkanal abzweigt und am Aquädukt bei Mödrath auf die rechte Seite des Flutkanals wechselt. Es wird irgendwann nach dem Krieg durchgehend nur noch als „Kleine Erft“ bezeichnet. Diese Umbenennung, die laut Mitarbeitern des Erftverbandes schon vor 50 bis 60 Jahren erfolgt sein soll, hat mittlerweile Eingang in die offiziellen Gewässerstationierungskarten des Landes NRW gefunden.

Karin Beusch

Archiv Erftverband:
Sign.4502/3.3. Melioration Mödrath 1868
Sign. 400.2 Akte Nobeling
Josef Zimmermann, Bodenkultur und Landschaft der Erftniederung, Bonn 1949

  • Ansprechpartnerin

    Archiv des Erftverbandes
    Karin Beusch
    Tel. (02271) 88-1180

  • Weitergehende Informationen

  • Erftverband

    Am Erftverband 6
    50126 Bergheim
    Tel: 02271/ 88-0
    Fax: 02271/ 88-1210



    Sie erklären sich damit einverstanden, dass Ihre Daten zur Bearbeitung Ihres Anliegens verwendet werden. Weitere Informationen und Widerrufshinweise finden Sie in der der Datenschutzerklärung